Forschungsschwerpunkte

Das Forschungsvorhaben gliedert sich in wesentliche fünf Forschungsschwerpunkte. Diese Schwerpunkte sind während des Forschungszeitraumes als eigenständige Arbeitspakete zu betrachten, stehen aber in enger Verknüpfung miteinander, ja bedingen sich gegenseitig. Die Ergebnisse werden demnach regelmäßig zusammengefügt und können nur so analysiert und ausgewertet werden.

a) Konstellations- und Komplexitätsanalyse

Technische, natürliche und soziale (inklusive ökonomische und kulturelle) Entwicklungen sind in der Gegenwartsgesellschaft eng miteinander verknüpft und können nur unter Berücksichtigung dieser Verflechtung analysiert und beeinflusst werden. Es stellt sich die Frage, welche entwicklungsrelevanten Konstellationen (insbesondere Akteurs- und Wettbewerbskonstellationen) in struktur-schwachen Regionen vorherrschen bzw. wie sich diese herausbilden. Welche wechselseitigen Abhängigkeiten gilt es zu beachten, wie beeinflussen sich diese und in welcher Form sind sie verifizierbar? Inwiefern bauen Transformationsprozesse eine neu zu verstehende Komplexität auf und welche Konsequenzen ergeben sich aus der bisherigen Vernachlässigung der besonderen Eigenschaften von hochkomplexen Systemen für die wissenschaftliche Arbeit als auch für die Praxis der Regionalforschung?

b) Wertschöpfungsprozess und Innovation

Entwicklung und Wandel sind stetige Prozesse. Neue Entwicklungspfade bilden sich nicht selten dann heraus, wenn scheinbar bewährte Muster und Konstellationen ihre Funktionalität verlieren oder aber zu ihrer Herstellung zusätzliche Stabilisatoren eingebaut werden müssen. Was wird in solchen Situationen als wertvoll bzw. als Wertschöpfung angesehen? Wieviel Raum gewinnen innovative Lösungsansätze, die gegen herkömmliche Paradigmen verstoßen und Tabus verletzen? Ist der Transformationsprozess als Grundlage eines neuen Wertschöpfungsprozesses in struktur-schwachen Regionen anzusehen und welchen Einfluss auf die Neudefinierung von Werten haben die gegebenen Innovationskonstellationen?

c) Transferabhängigkeiten

Transfers finden in modernen Gesellschaften auf sehr vielfältige Weise und auf unterschiedlichen Ebenen statt. Für das Gefüge einer Region sind die Transferströme fundamental. Zu untersuchen gilt es, welche Transfers real stattfinden und welche davon essentiell sind bzw. welche eher entwicklungshemmend auf die Region wirken. Welche Transfers müssen geschaffen oder begünstigt werden, um der „Transferfalle“ zu entgehen? Welche Konsequenzen haben die gegebenen Transferströme auf den regionalen Wertschöpfungsprozess und welcher Zusammenhang besteht zwischen den widersprüchlichen Paradigmen von sozialen, politischen und ökonomischen Steuerungsprozessen einerseits und den Transferabhängigkeiten andererseits?

d) Kritische Masse

Die Entwicklung einer Gesellschaft, einer Region ist abhängig von ganz bestimmten Konstellationen. Zu ermitteln ist, welche Mindestvoraussetzungen erfüllt sein müssen, um den Entwicklungsprozess voranzutreiben bzw. welches Wachstum gegeben sein muss, um die Erhaltung des regionalen Gefüges gewährleisten zu können. Was passiert, wenn die kritische Masse unterschritten wird, anhand welcher Merkmale lässt sich das „Kollapsrisiko“ einer Region bestimmen? Welche Bedingungen müssen für eine eigenständige Entwicklung der Region, für das Einschlagen eines selbstständigen Entwicklungspfades erfüllt sein? Welche endogenen regionalen Potentiale herrschen vor, wie können diese genutzt werden und welche Attraktionen müssen geschaffen werden, um die Entwicklung der Region positiv zu beeinflussen?

e) Paradigmenwechsel

Regionen sind als gewachsene Gefüge und kohärente Handlungsräume anzusehen, die geprägt sind durch ein sich über Jahrhunderte entwickeltes Wertesystem. Welchem Wandel unterziehen sich Werterfahrungen und Wertevorstellungen in der heutigen Gesellschaft? Wie beeinflusst der Wandel der Werte die Kohärenz bzw. die Entwicklung einer Region, welche Interpretationsmuster lassen sich daraus ableiten und welchen Einfluss haben diese auf anstehende Problemlösungen? Inwiefern verändert sich das Verständnis des herkömmlichen Regionalitätsbegriffes durch den Wertewandel, verlangt dieser eine neue Definition von Regionalität? Welche Interdependenz (circulus vitiosus) lässt sich erkennen zwischen dem Transformationsprozess der Gesellschaft und den sich ändernden Wertgefügen und welche Innovationsfreiräume bieten sich an und wie können diese genutzt werden?

f) Raumpioniere

Ein Stillstand des Wettbewerbs (Wirtschaftsentropie) lässt gesellschaftliche Entwicklungsprozesse nicht selten erstarren. Zu untersuchen ist, inwiefern formal nicht vernetzte oder organisierte Akteure, bzw. solche, die nicht in traditionellen Unternehmens- und Verwaltungsstrukturen arbeiten und denken, als Dynamisierungskatalysator einer Region fungieren können. Wer sind die Raum-, Organisations- und Produktpioniere in sog. Übergangszonen, inwiefern unterlaufen bzw. ignorieren sie die gegebenen Systeme und welche Konstellationen gehen diese außerhalb der traditionellen Verbindungen ein? Welche Bedeutung haben Revitalisierungszonen und Brachen bzw. schwach regulierte Handlungsräume für die Entwicklung struktur-schwacher Regionen? Welche Rolle spielen dabei die Faktoren Sustainability, Gender Mainstreaming und Social Responsibility?